Haller Kreisblatt, 24.12.2010

„Das war nicht einkalkuliert“

Margret Gerhold geht mit 88 Jahren bewusst in ein neues Leben

• Halle-Hörste/Werther. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich so alt werde – das war gar nicht einkalkuliert“, erzählt Margret Gerhold und schaut durch das Fenster auf das Schneetreiben und die weiße Pracht rund um das große Anwesen itten in Hörste. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern war 38 Jahre lang die Chefin im Familienbetrieb. Was heute von vielen Menschen in der Region als das »Gerhold’s« gekannt und geliebt wird, war früher nicht nur Gaststätte, sondern auch noch Bäckerei und Lebensmittelgeschäft.

Von Christiane Gerner

„Mein Mann ist jetzt 25 Jahre tot. Vor gut 20 Jahren habe ich den Betrieb dann abgegeben. Meine drei Kinder wollten nicht ins Gastrofach. Wer darin aufgewachsen ist, will wohl lieber etwas anderes machen“, sagt Margret Gerhold. Sie wohnt seit 21 Jahren allein über der Gaststätte gegenüber der Kirche in Hörste. Bisher hat alles auch noch gut geklappt. „Aber, ich merke, dass ich das Leben alleine nicht mehr schaffe“, hat sich die für ihr Alter rüstige Seniorin nun entschlossen, in eine neue Hausgemeinschaft von »Daheim e.V.« mitten in Werther zu ziehen.

Ganz wohl ist es ihr nicht, beim Gedanken an den Umzug in die Böckstiegelstadt. Deshalb besteht Margret Gerhold darauf, in ihrer neuen Wohnung auch noch eine eigene Küche zu haben. „Ich glaube, dass es mir zuerst schwer fallen wird, mit anderen Menschen zusammen zu sein“, sagt die alte Dame und bereut ihren Entschluss nicht. „Ich möchte mir mein neues Zuhause selbst aussuchen. Wenn man ein Leben lang ‚kommeranscht’ hat, kannmannicht gut abgeben. Ich behalte meinen Hut auf.“

Gemeinsam mit Sonja Buschmann, der Regionalleiterin vom Verein Daheim war Margret Gerhold schon in Werther und hat sich vor Ort ihre neue Wohnung ausgesucht. „Die ist natürlich viel kleiner als meine jetzige. Da habe ich schon Angst, dass mir die Decke auf den Kopf fällt. „Margret Gerhold ist ihr Leben lang an große Räumlichkeiten gewöhnt. „Und die Waldluft hier in Hörste, die wird mir auch fehlen. Aber dafür bin ich am neuen Platz mitten im Leben!“

Auch ihren Garten wird sie vermissen – „das war immer meine Leidenschaft“. Mittlerweile kann Margret Gerhold aber auch genießen, dass die Arbeit weniger geworden ist. „Ich bin froh, dass ich noch die Treppe alleine rauf- und herunterkomme.“ Die alte Dame besucht gerne noch Freundinnen in der näheren Nachbarschaft, die selbst nicht mehr so mobil sind.

Genauso wie Margret Gerhold ihrer Umgebung immer noch gut klarmachen kann, was sie will und was nicht, hat sie die Freude am Leben nicht verloren. Auch wenn ihr ihre Kinder manchmal fehlen. „Aber die haben ihre eigene Familie und einarbeitsreiches Leben“, hat die Mutter Verständnis. Bis jetzt habe sie sich eigentlich nie gekümmert, sondern nach der Devise gelebt: „Kommt Zeit – kommt Rat.“ Doch seit sie sich zum Umzug entschieden hat, wartet die Ur-Hörsterin schon darauf, dass alles in der neuen Umgebungendlich fertig wird.

Weil es der letzte Heilige Abend in Hörste sein wird, besteht Margret Gerhold auf dem kompletten Programm: Weihnachtsbaum, Weihnachtsfestessen und die ganze Familie um sich herum. Das Essen wird wie in all den Jahren von der früheren Angestellten Bärbel Uthmann gekocht. Die Frau, die 25 Jahre im Hause Gerhold mitgearbeitet hat, wird Hirschbraten mit Preiselbeeren, köstliche Welfenspeise und eine Weihnachtstorte anliefern. Margret Gerhold wird es bestimmt ganz besonders genießen mit ihren Kindern und zwei Enkeln.

Denn schon bald heißt es: Abschied nehmen, Kisten packen und sich von vielen Dingen trennen für ein ganz neues Leben in der Hausgemeinschaft in Werther. Hut ab – und alles Gute!

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„Das war nicht einkalkuliert“

Lieblingsplatz: Margret Gerhold verlässt nach 88 Jahren ihr Zuhause in Hörste und beginnt ein neues Leben in einer Hausgemeinschaft mitten in Werther.